Digitales Pausenbrot

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Die Verfalls-Triage

KI-Antworten in 90 Minuten unter die Lupe nehmen

Avatar von Lucca Spohn
Lucca Spohn
Mai 25, 2026
∙ Bezahlt

Ich habe letzte Wochen Joscha Falcks «Architektur der KI-Didaktik» (https://joschafalck.de/architektur-ki-didaktik/) gelesen.

Ein dichtes Modell mit vielen starken Anschlüssen für die Praxis.

Ein Punkt hat mich danach aber nicht mehr losgelassen: die Komponente der Zeit.

Eine KI-Antwort ist kein zeitloser Text. Sie ist ein datiertes Artefakt. Darin stecken Aussagen, die unterschiedlich lange haltbar sind. Manche gelten vermutlich auch in zehn Jahren noch. Andere können nächste Woche schon überholt sein.

Genau dafür habe ich ein Unterrichtsformat entwickelt: die Verfalls-Triage.

Was ist eine Verfalls-Triage?

—> Information: Für diese Methode kann es Sinn machen ein Modell ohne Internetzugriff auszuwählen!


Die Klasse holt eine KI-Antwort zu einem aktuellen Thema. Danach wird diese Antwort in drei Farben zerlegt:

🟢 zeitlos
🟡 datiert
🔴 Verfallsverdacht

Jede Markierung braucht eine kurze Begründung.

Der wichtigste Punkt: Mindestens eine Aussage muss rot markiert werden. Wenn die Gruppe keine rote Aussage findet, ist die Frage wahrscheinlich zu zeitlos gestellt. Dann muss sie umformuliert werden.

Das ist kein Detail, sondern der Kern der Methode.

Nicht Time Capsule, sondern Routine

Die Verfalls-Triage ist nicht dasselbe wie meine Time Capsule.

Time Capsule ist das Langformat. Eine KI-Antwort wird heute versiegelt und nach 90 Tagen wieder geöffnet. Das erzeugt einen starken Klassenmoment, der im besten Fall lange hängen bleibt.

Die Verfalls-Triage funktioniert anders. Sie ist kompakter, wiederholbarer und passt in eine Doppelstunde. Lernende üben mehrmals pro Schuljahr, KI-Antworten nicht einfach als «richtig» oder «falsch» zu lesen, sondern als unterschiedlich haltbare Aussagen.

Das sind zwei verschiedene Formate. Zwar der gleiche Gedanke, aber unterschiedliche Wirkungen.

Ablauf in 90 Minuten

1. Der Schock

Ich zeige eine echte KI-Antwort aus dem Jahr 2023. Darin sind drei Aussagen heute überholt. Die Klasse soll herausfinden, welche.

Meistens findet sie eine. Manchmal keine.

Genau daraus entsteht der Einstieg: KI-Antworten sehen oft stabiler aus, als sie sind.

2. Werkstatt

Die Lernenden arbeiten in Dreiergruppen. Sie wählen ein Thema, formulieren eine Frage und holen eine KI-Antwort ein.

Wichtig ist die Dokumentation:

  • genaue Frage

  • verwendetes KI-Modell

  • Datum

  • Antwort

Das kommt auf eine Karte. Absichtlich ohne grosses Design. Die Lernenden sollen sehen: Eine datierte KI-Antwort sieht auf den ersten Blick genauso aus wie eine zeitlose Antwort.

3. Triage-Runde

Jetzt wird die Antwort farblich zerlegt.

Die Lernenden markieren Aussagen als:

  • 🟢 zeitlos

  • 🟡 datiert

  • 🔴 Verfallsverdacht

Zu jeder Markierung schreiben sie einen Begründungssatz.

Die rote Markierung ist Pflicht. Ohne diese Regel würde die Methode schnell zur Häkchenrunde. Lernende würden die einfachen grünen Aussagen suchen und der KI im Grunde zustimmen.

Mit der roten Pflicht passiert etwas anderes: Sie müssen skeptisch werden.

4. Galerie und Lernlog

Die Plakate hängen an der Wand. Die Klasse geht herum und setzt Klebepunkte bei den überraschendsten Einordnungen.

Danach schreiben alle drei Sätze ins Heft:

  • Mich hat überrascht …

  • Ich war zu schnell zufrieden bei …

  • Offen bleibt für mich …

So wird aus der Methode nicht nur eine Analyseübung, sondern auch eine kurze Selbstbeobachtung.

5. Transfer

Zum Schluss formuliert jede:r zwei Regeln für die eigene KI-Nutzung.

Zum Beispiel:

  • Ich prüfe bei aktuellen Themen immer das Datum.

  • Ich frage mich nicht nur, ob etwas stimmt, sondern wann es gestimmt hat.

Die Regeln kommen an die Tafel, werden fotografiert und ins Heft übernommen.

Warum die rote Pflicht entscheidend ist

Für mich entscheidet dieser Punkt, ob die Methode funktioniert.

Ohne rote Pflicht passiert oft das, was ich in vielen KI-Stunden beobachte: Lernende stimmen der KI zu. Sie suchen Belege für ihren ersten Eindruck. Die Aufgabe wird zur Bestätigungsroutine. Die rote Pflicht verhindert genau das.

Wer keine rote Aussage findet, muss die Frage anders stellen. Damit wird die Frageformulierung selbst zum Lerngegenstand. Und genau darin liegt die didaktische Provokation.

Nicht: «Prüft mal, ob etwas falsch ist.»

Sondern: «Stellt die Frage so, dass Verfall überhaupt sichtbar werden kann.»

Welche Fragen funktionieren?

Gute Fragen haben Bewegung. Sie beziehen sich auf Wissen, das sich verändern kann.

Beispiele:

  • «Wer hält aktuell den Weltrekord über 100 Meter?»

  • «Welche Behandlungen gelten heute bei einem bestimmten Krankheitsbild?»

  • «Welche Berufe haben gute Zukunftsaussichten?»

  • «Was ist das neueste iPhone und was kann es?»

  • «Wer ist aktuell Bundespräsident:in?»

  • «Welche grossen ungelösten Probleme der Mathematik gibt es?»

Manche Fragen liefern sofort rote Treffer. Andere wirken zuerst harmlos und werden erst beim genauen Hinschauen interessant.

Was nicht funktioniert:

  • «Was ist der Satz des Pythagoras?»

Da gibt es kaum Verfallsverdacht. Die Methode wird langweilig, weil der eigentliche Konflikt fehlt.

Der Anschluss an Joscha Falck

Die Methode greift mehrere Punkte aus Joscha Falcks Modell auf.

Die Provokation durch Design entsteht durch die rote Pflicht. Sie erzeugt einen kognitiven Konflikt, den die Lernenden nicht an die KI delegieren können.

Die Eigenleistung wird sichtbar, weil jede Markierung begründet werden muss.

Die Selbstbeobachtung entsteht im Lernlog.

Die Reflexion steckt nicht am Ende als Zusatz, sondern im Kern der Aufgabe.

Mein eigener Erweiterungspunkt ist die Zeitdimension: KI-Antworten haben ein Verfallsdatum, aber es steht nicht drauf.

Lernende müssen lernen, dieses unsichtbare Datum mitzulesen.

Was am Ende bleibt

Nach einer Verfalls-Triage fragen Lernende anders.

Nicht mehr nur:

«Stimmt das?» Sondern: «Wann hat das gestimmt?»

Genau diese Verschiebung ist für mich der zentrale Lerngewinn.

Meine Einschätzung

Die Verfalls-Triage ist niederschwellig, fachneutral und wiederholbar. Sie braucht keine grosse Vorbereitung und funktioniert in Biologie genauso wie im Berufswahlunterricht.

Für mich schliesst sie die Lücke der Zeit.

Time Capsule und Verfalls-Triage gehören deshalb zusammen.

Das eine ist der Klassenmoment.
Das andere ist die wiederholbare Routine.

Das fertige Material zur Verfalls-Triage

Den Essay kannst du kostenlos lesen.
Wenn du die Methode nächste Woche direkt mit deiner Klasse durchführen möchtest, findest du hier das komplette, druckfertige Paket:

  • Methodenkarte für Lehrpersonen mit dem 90-Minuten-Ablauf in fünf Phasen, Differenzierung für Niveau 1, 2 und 3 sowie den vier häufigsten Stolperstellen.

  • Triage-Matrix als zentrales Arbeitsblatt mit drei Farbspalten und der verbindlichen Regel zur roten Spalte.

  • Capsule-Karte zum Festhalten von Frage, Modell und KI-Antwort.

  • Lernlog und Transfer-Blatt mit drei Reflexionssätzen und zwei eigenen Regeln pro Lernende:r.

  • 20 erprobte Frage-Vorschläge, markiert nach solchen, die fast immer funktionieren, und solchen, die sich erst beim genaueren Hinsehen als spannend erweisen.

Alles gebündelt in einem PDF, sofort einsetzbar und kopierbereit für deine Klasse.

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